Mittwoch, 10. Oktober 2018

Schubladen

Es klingelt an der Tür. Ein Blick durch die Butzenscheibe lässt erahnen: ein tief ausgeschnittenes Tank-Top auf stark behaarter Männerbrust, fast übergangslos darüber ein langer Bart und dunkles Haupthaar. Die neongelbe Warnweste und der längliche Gegenstand in der Hand der Person lassen darauf schließen, dass es sich um den Mitarbeiter eines Paketdienstes handelt. Vorsichtig öffne ich die Tür.

Freudestrahlend wünscht mir der Mann einen schönen Tag, liest das Etikett.
"Ein Paket für Frau Henkel, ist das hier richtig?"
"Ja."
Er drückt mir das Päckchen in die Hand. Keine Unterschrift notwendig.
"Das war's auch schon, Frau Henkel. Einen schönen Tag Ihnen noch und gute Besserung." Wendet sich ab und eilt zurück zum Lieferwagen.

Verdutzt blicke ich ihm hinterher.
Freundlich, gut gelaunt, höflich, akzentfrei UND auch noch aufmerksam, hatte er doch in den paar Sekunden zwischen Tür und Angel neben Erledigung seines Auftrags auch die Aircast-Schiene an meinem Sprunggelenk bemerkt.

Wie gut, dass man Schubladen umsortieren kann.


Montag, 20. August 2018

Anziehende Aussicht

Kürzlich schnappte ich folgenden Gesprächsfetzen unserer achtjährigen Zwillinge auf:

Zwilling A trällert: "Panorama, Panorama ..."
Zwilling B fragt: "Weißt du, was ein Panorama ist?"
A: "Nicht so genau, weißt du das?"
B: "Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, das ist so etwas ähnliches wie ein Schlafanzug."


Mittwoch, 1. August 2018

Wie wegen dreckiger Hosen eine schulische Zielvereinbarung nicht eingehalten werden konnte

Letzte Woche war Eltersprechtag. Zumindest hieß das bei mir früher so. Jetzt heißt es "Schulisches Entwicklungsgespräch", ist aber genaugenommen eine Standortbestimmung wie im Berufsleben.
Der Schüler gibt eine Selbsteinschätzung zu Verhaltensweisen und Leistungen ab und der Lehrer ebenfalls. (Fehlt eigentlich nur noch das Peer Feedback.)
Kindgerecht mit Smileys für "fully met" und "exceeded", eine Baustelle bei "room for improvement".
Die Aussage ist dieselbe. Nur das mit der Gaußschen Normalverteilung ist noch keine Pflicht, da es keinen monetären Bonus gibt, sondern lediglich Punkte, Aufkleber, Stempel oder was weiß ich, und der Vorrat hier scheint unbegrenzt.

Jedenfalls ist der Mitarbeiter - äh, sorry, Schüler so gut, dass es eigentlich keine sinnvollen Verbesserungsvorschläge gibt. Aber irgendetwas muss man ja bei den Zielen hinschreiben, nicht wahr, also soll der Schüler doch einfach mal Geschichten schreiben. Und zwar eine pro Woche.

Weil der Schüler das zwar eigentlich blöd findet, insgesamt aber sehr pflichtbewusst ist, setzt er sich direkt am nächsten Tag mit einem Bleistift vor ein Blatt Papier und schreibt mit zwischen die Zähne geschobener Zunge eine Geschichte auf, die er anschließend stolz präsentiert und im Laufe des Wochenendes mehrmals vorliest.

Szenenwechsel.
Der Schüler steht vorm Schrank und beschwert sich über den Mangel an passendem Beinkleid. Da am nächsten Tag wieder Schule ist, eilt die Mutter in die Waschküche, klaubt alle auffindbaren Jeans zusammen und stopft sie in die Waschmaschine, damit sie zu später Stunde noch in den Trockner wechseln können und am Morgen bereit für neue Pfützen und Schlammlöcher sind.

Am nächsten Morgen fragt der Schüler auch prompt nach seiner Hose. Es stellt sich aber heraus, dass er nicht irgendeine Hose meint, sondern exakt die, welche er gestern anhatte.


... mit Sicherheit hattet ihr in eurer Klasse auch immer diesen einen Schüler, dessen Hamster die Hausaufgaben gefressen oder dessen Wellensittich die Unterhose zum Nestbau benutzt hatte, weswegen er schon wieder zu spät zum Unterricht kam?

Nun, leider hat unser Schüler die Angewohnheit, alle wichtigen und unwichtigen Zettel - also Kassenbons, Schatzkarten und Hausaufgaben - auf Briefmarkengröße zusammenzufalten und in die Hosentasche zu stecken.

Die Mutter rennt zum Trockner. Beim Öffnen der Tür bröseln ihr bereits kleine Papierklümpchen entgegen, der Großteil steckt jedoch im Filter. Auch in der Hosentasche befindet sich noch ein kleiner Rest des ehemaligen Aufsatzes, die Helden der Geschichte weißgewaschen und klargespült, die Aufgabe geschleudert und gefönt, aus und vorbei ...

Und die Moral von der nicht mehr existenten Geschichte: Das nächste Mal kontrolliere ich WIRKLICH alle Taschen.



Donnerstag, 21. Dezember 2017

Sperrt die Kinder weg ...

Ja, 8-jährige Jungs wollen cool sein.
Ja, 8-jährige Jungs können wild sein.
Ja, 8-jährige Jungs verwenden mit Vorliebe Kraftausdrücke.
Ja, 8-jährige Jungs sind laut.

Ja.

Und trotzdem sind es noch Kinder.

Kinder, die weinend zu Mama kommen, wenn sie sich weh tun.
Kinder, die mit ihrem Teddy kuscheln.
Kinder, für die andere Kinder auch Kinder sind, egal ob drei oder zehn Jahre alt.
Kinder, für die die Erwachsenen immer noch übermächtig erscheinen und denen nicht alle Reaktionen nachvollziehbar sind.

Haben all diese Erwachsenen vergessen, dass sie selbst mal Kinder waren?
Dass jeder Stock mit nach Hause musste, je größer, desto besser?
Dass ein Bach interessanter war als Hausaufgaben?
Und dass es eigentlich keinen Tag gab, an dem ein Knie oder Ellbogen ohne Macke blieb?

Diese Erwachsenen, die früher ohne Aufsicht, ohne Handy und ohne Helm herumstreunten, bis es es dunkel wurde und heute nicht in der Lage sind, ihr eigenes Kind selbständig die Welt entdecken zu lassen?
Die nicht in der Lage sind zu unterscheiden zwischen wildem Spiel und gezielter Aggression?
Die erwarten, dass alle Eltern genauso denken wie sie?

Alles ist zu gefährlich heute. Büsche, Bäume, Treppen, alles muss gesichert, gepolstert und abgerundet werden.

Sperrt eure Kinder in Gummizellen.
Da können sie sich nicht verletzen.
Da werden sie nicht von anderen verletzt.
Da werden sie sowieso landen, wenn sie keinen Freiraum bekommen.

Und dann können meine Kinder endlich in Ruhe aufwachsen und spielen, wie ich früher gespielt habe: gelenkt, aber nicht dauerkontrolliert, mit Kräfte messen und auch mal den Kürzeren ziehen, mit aufgeschlagenen Knien und heißer Milch zum Trost.
Oft dreckig, abends meistens müde, trotzdem und vor allem glücklich.


Dienstag, 14. November 2017

Ssänk ju for träwweling wiss Deutsche Bahn

Ich war mal wieder mit diversen Fahrzeugen der DB AG unterwegs.
Es war - nun, wie soll ich sagen - eine Inspiration für einen neuen Post.

Die Bahn ist super - wenn man
  • es NICHT eilig hat, 
  • KEIN Sparpreis-Ticket mit Zugbindung kauft, 
  • genug eigenes Essen und Trinken mitführt, 
  • Ohrstöpsel und Augenbinde verfügbar hat, 
  • unter 1,80 m groß ist, s
  • ich nicht auf dunklen, einsamen Bahnhöfen gruselt und 
  • am nächsten Tag ausschlafen kann.
  • Ein voller Akku beim Handy schadet übrigens auch nicht.
Aufgeweckte Kinder mit Quietsche-Stimme, Fußrastenhampler und zwanghafte Haarzwirbler sind natürlich mein Problem, nicht das der Bahn.

Was die aber sonst noch so kann, ist beeindruckend:

  • Unplanmäßiger Halt auf der Strecke wegen Überholung ICE
  • Einfahrt in Bahnhof nicht möglich wegen polizieilicher Ermittlungen
  • Bordrestaurant geschlossen wegen Wassereinbruch
  • Verzögerte Ausfahrt aus Bahnhof wegen notärztlicher Versorgung eines Fahrgastes 

Vermutlich hatte letztere einen Anfall, weil er sich so sehr aufgeregt hat.
Oder ihm ist die Blase geplatzt. Aufgrund der völligen Überfüllung der Waggons war es nämlich auch nicht mehr möglich, das WC aufzusuchen. Getränke kaufen ebenfalls nicht machbar. Selbst wenn die Mitreisenden versuchten, Platz zu machen, standen da immer noch diverse Koffer Marke Samsonite Hartschale Übergewicht im Weg.

Ich habe sowohl auf der Hin- als auch auf der Rückfahrt meine Anschlusszüge zum Zielbahnhof verpasst. Einmal zwischendrin hatte ich Glück, weil der entsprechende Zug ebenfalls verspätet war.
Meine Bimmelbahn am Ende fährt sonntags nur einmal die Stunde ...

Ich darf jetzt das Rückerstattungsformular ausfüllen, nachdem ich mich vorher am DB-Reisezentrum in die Schlange der zwanzig anderen Fahrgäste mit Beschwerden eingereiht habe, um mir die Bescheinigung über die Zugverspätung abzuholen.

Die lapidare Aussage des Angestellten am Schalter: "Hier, nehmen Sie mal zwei Formulare mit, falls Sie sich verschreiben. Von denen haben wir genug."

Weißte Bescheid, ne?


Mittwoch, 20. September 2017

Selbst ist der Verbraucher

Linux ... schonmal davon gehört, eigentlich nur Gutes, aber für mich als Dümmster Anzunehmender User immer abschreckend.

Wie schön, dass mein Mann das vollste Vertrauen in mich hat, da ich doch die meisten unserer Soft- und Hardwareprobleme löse.
Ich lese halt die Anleitung ...

Nachdem wir uns nun mehrere Jahre mit unserem Sat-Receiver rumgeärgert haben, weil er
  • ewig zum Hochfahren braucht,
  • abstürzt, wenn man ihn vor dem Fernseher anschaltet,
  • im Betrieb recht laut ist,
  • abstürzt, wenn WLAN eingeschaltet ist ,
  • im Standby noch lauter ist als im Betrieb,
  • alle dem ARD angeschlossenen HD-Programme regelmäßig rausschmeißt,
  • abstürzt, wenn man die Quelle wechselt,
  • langsam reagiert,

haben wir uns einen neuen geleistet.

Nach dem Studium diverser Testberichte traf mein Mann die Wahl. Dass der Receiver Linux-basiert ist, das Einrichten desselben der häufigste negative Kritikpunkt war und alle Kaufempfehlungen diesen Teil als Minuspunkt aufführten, kümmerte ihn wenig, schließlich bin ich ja zuständig.

So richtig gefreut habe ich mich, als ich das Paket öffnete. Wir hatten schließlich einen Receiver mit Festplatte bestellt.

Mittwoch, 6. September 2017

Fishing for compliments oder Wie ein Schuss nach hinten losgeht

Die Familie befindet sich im Urlaub auf einem Ausflug.
Der spiralförmig angelegte Parkplatz wird von einer fülligen weiblichen Statue geziert.

Der Mann fotografiert das Kunstwerk.

Ich so: "Ach guck, eine Statue von mir."
Zwilling B (lacht): "Neee, die sieht doch nicht aus wie du."

Ah, das ist mein Sohn.

Zwilling A setzt nach: "Stimmt, die hat lange Haare."



P.S.: Die Nachfrage meinerseits hat ergeben, dass das der einzige Unterschied ist.